Wie du ein „Buch der Genialität“ schaffst

Mao Tsung-kangs Checkliste der 25 literarischen Techniken.

Im 17. Jahrhundert beschrieb der chinesische Kritiker Mao Tsung-kang fünfundzwanzig Merkmale der Genialität in dem Buch, das er für das beste literarische Werk aller Zeiten hielt – dem umfangreichen historischen Roman, der auf Deutsch unter dem Titel „Die Drei Reiche“ beim S. Fischer Verlag erhältlich ist. In China gilt dieses epische Werk noch immer als einer der vier großen Klassiker oder „Bücher der Genialität“.

Maos Essay lässt sich als eine Art „Anleitung“ zum literarischen Schaffen lesen. Er hebt Erzähltechniken hervor, die eine starke Wirkung auf die Leser:innen haben. Hier ist eine komprimierte und verallgemeinerte Version von Maos fünfundzwanzig „Wundern“, formuliert nicht, um den konkreten Roman zu beschreiben, sondern als Aspekte oder Fragen der literarischen Technik, die jede Autor:in auf ihre eigenen fiktionalen Werke anwenden könnte. 

  1. Gibt es ein klares Thema und ist die Botschaft stichhaltig?
  2. Sind die Figuren faszinierend und werden sie in ihren interessantesten Momenten dargestellt?
  3. Gibt es zahlreiche spannende Nebenfiguren und Nebenhandlungen?
  4. Gibt es Gegenfiguren? Gibt es Parallelitäten?
  5. Gibt es ausreichend Unterschiede und Kontraste zwischen den Figuren?
  6. Sind die Nebenhandlungen nach strukturellen Prinzipien angeordnet?
  7. Führt die Geschichte die Dinge gemäß Ursache und Wirkung bis zu ihren Wurzeln zurück?
  8. Gibt es in der Geschichte poetische Gerechtigkeit oder eine moralische Rechtfertigung im Subtext?
  9. Gibt es Vorwegnahmen und Vorbereitungen? Hängen bestimmte Ereignisse, Figuren oder Gegenstände mit anderen zusammen?
  10. Gibt es Abwechslung in den Parallelen, sodass sich nichts wiederholt?
  11. Enthält jede Szene und jede Nebenhandlung eine Wendung, sodass Leser:innen nicht vorhersehen können, was als Nächstes geschehen wird?
  12. Gibt es ein Muster aus aufeinanderfolgenden und nicht aufeinanderfolgenden Elementen?
  13. Gibt es zu jeder wichtigen Passage eine kurze einleitende Passage, die darauf vorbereitet?
  14. Gibt es zu jeder wichtigen Szene einen Auftakt und einen Nachklang?
  15. Wird die Spannung durch Prophezeiungen gesteigert oder indem wichtige Ereignisse durch das Einholen von Ratschlägen hinausgezögert werden?
  16. Wird das Handeln der Männer durch das Wirken der Frauen ausgeglichen?
  17. Werden alle wichtigen Entwicklungen durch Vorzeichen vorbereitet und angedeutet?
  18. Ist die Verteilung der Ereignisse gleichmäßig und lassen frühere Passagen Raum für spätere Entwicklungen? Hängen die Szenen somit miteinander zusammen?
  19. Gibt es eine Mischung aus direkt beschriebenen Ereignissen, die im Vordergrund scharf im Fokus stehen, und berichteten Ereignissen im Hintergrund, wie in einem Landschaftsgemälde?
  20. Gibt es Gegenüberstellungen, um Ähnlichkeiten hervorzuheben oder Unterschiede zu betonen? Gibt es solche Parallelen innerhalb der Kapitel und über das gesamte Buch hinweg?
  21. Hängt der Anfang mit dem Ende zusammen und gibt es dazwischen verbindende Passagen?
  22. Wird künstlerischer Erfolg dadurch erreicht, dass das gesamte Material zu einem einzigen zusammenhängenden Ganzen kombiniert wird?
  23. Gibt es keine Brüche in der Kontinuität?
  24. Regt das Buch zum Nachdenken an?
  25. Werden die Figuren einzeln wirkungsvoll zum Leben erweckt?

Befolge diese Richtlinien, und auch du wirst vielleicht ein „Geniewerk“ schaffen.

Zusammengestellt aus David T. Roys Übersetzung von Mao Tsung-kangs Kommentar zum San-kuo yen-i in David L. Rolstons Buch How to Read the Chinese Novel, Princeton 1990. Das Bild ist Artwork aus der Verfilmung von Die Drei Reiche durch John Woo aus dem Jahr 2008, Red Cliff.


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