Äußerer Bedarf

Eine Figur muss etwas unternehmen, um ihr Ziel zu erreichen.

Figuren in einer Geschichte haben normalerweise ein Problem und einen Wunsch.
Sie stecken sich selbst ein Ziel, von dem sie annehmen, dass dieses ihr Problem lösen und sie zu ihrem Wunsch führen wird.

Um das Ziel zu erreichen, benötigt die Figur etwas – bspw. ein Transportmittel, um an den Ort der Bestimmung zu gelangen. Wenn man einen Bankraub nicht alleine ausführen kann, muss man andere als Komplizen gewinnen. Wenn ein Drache zu bekämpfen ist, braucht es Waffen. Falls dabei Magie vonnöten ist, kann ein Zauberer hilfreich sein.

Wenn das Ziel einmal gesteckt ist, wird dem Protagonisten eine Vision eröffnet, welchen Weg er beschreiten muss, zumindest sind die ersten Schritte klar – und damit auch dem Leser/Zuschauer. In diesem Bewusstsein fasst die Figur ihren Plan
Es muss also erst ein äußerer Bedarf gedeckt werden, um dem Ziel einen Schritt näherzukommen. Was benötigt wird, ist zumeist ein Objekt oder eine Person – allerdings bedarf es i. d. R. einer Aktion, um dies zu erlangen. Wenn für den großen Coup ein Auto benötigt wird – soll man es kaufen oder stehlen? Wenn Hilfe vonnöten ist – an wen wendet man sich und wie überzeugt man den-/diejenigen, einen bei einem derart waghalsigen Unterfangen zu unterstützen? Um an ein Schwert heranzukommen – zieht man es aus einem Stein oder geht zum Schmied? Und wie findet man einen Magier? Soll man stattdessen Alben kontaktieren oder zum Orakel gehen?

Der Plan wird dem Publikum mehr oder weniger explizit mitgeteilt. Die Vorfreude darauf, wie es nicht ganz nach Plan laufen wird, gehört zum Vergnügen. Sowohl für die Figuren als auch für das Publikum muss es immer wieder Überraschungen geben.

Stationen und Hindernisse

Die Figuren müssen also äußeren Anforderung begegnen, die handlungsrelevant sind, da sie zur Lösung des externen Problems beitragen.
Zwei Dinge gilt es bei der Konstruktion dieser Abfolge zu beachten: Erstens ist sich die Figur dessen bewusst, dass sie zunächst eine Aktion ausführen wird, dann eine andere und hiernach mögliche weitere. Zweitens werden hierbei automatisch die einzelnen Stationen der Reise festgelegt – für die Figur, für den Leser/Zuschauer und für den Autor selbst.

Die Geschichte besteht an der Oberfläche aus dem simplen, allgemeingültigen Plot: Die Hauptfigur erreicht das Ziel und durchläuft auf dem Weg dahin verschiedene Stationen einer Reise, überwindet dabei Hindernisse – tatsächlich mindestens eines pro Abschnitt. Die Hindernisse und Hürden, die der Protagonist nehmen muss, werden für gewöhnlich zunehmend schwieriger, je weiter die Reise voranschreitet.

3_extern_bedarf

In Quest Storys und Geschichten um einen Coup sind viele der Stationen im Vorhinein abgesteckt, inkl. der äußeren Bedürfnisse, die gedeckt werden müssen. Oft lässt die Ankündigung dessen, was kommen wird, die Geschichte glaubwürdiger erscheinen, da einige der Komponenten bereits aufgesetzt sind, bevor sie tatsächlich erzählt werden. In Der Herr der Ringe ist die Reise, welche die Figuren antreten werden, bereits im Vorhinein abgesteckt, ebenso wie einige der Hindernisse und Probleme schon benannt sind, bevor sich die Gefährten auf den Weg machen. In Ocean’s Eleven wird der Plan zur Ausführung des Raubs dem Publikum – zumindest in Auszügen – präsentiert, bevor es noch der Umsetzung dieser Aktionen zusieht. Der Unterhaltungswert liegt tatsächlich darin, zu beobachten, was alles schief geht und nicht gemäß Plan verläuft.
In vielen anderen Genres werden die Stationen der Reise jedoch nicht derart angekündigt und kommen eher überraschend daher – für die Figur wie auch für den Leser/Zuschauer. Doch es gibt immer eine Abfolge von gewissen Bedürfnissen.

Die Oberflächenstruktur einer Geschichte

Die Abläufe – also das Bewältigen der anstehenden Hindernisse und infolgedessen der äußeren Notwendigkeiten auf dem Weg zum Ziel – sind Teil der Oberflächenstruktur einer Geschichte, entsprechen also dem bewussten Wahrnehmungsbereich der Hauptfigur.
Unter dieser Oberfläche können zugleich hunderte andere Dinge ablaufen – wie z. B. die internen Probleme der Figuren. Natürlich wird der Autor hier mit allen möglichen dramaturgischen Mitteln auf der Bedeutungsebene arbeiten wollen, um der Geschichte Tiefe zu geben – wie bspw. durch Metapher, Allegorie, Symbolismus etc. Dramaturgisch gesehen entspricht die Tiefenstruktur der Geschichte die Entwicklung der Figur, also was sie lernt und wie sie dadurch emotional wächst.

In anderen Worten: Die Oberflächenstruktur ist nicht unbedingt das, was eine Geschichte interessant erscheinen lässt, dennoch braucht jede Geschichte eine solche Struktur, also einen Plot – sonst gibt es keine Geschichte.
Wenn der Grundriss steht, kann der Autor die Handlungen der Figuren ausbauen und vertiefen, sodass die Geschichte substanziell und vielschichtig wird. Ohne Figuren, die Aktionen ausführen und dadurch den Plot formen, bleibt ein Text einfach ein Text – womöglich ein intellektuelles Meisterwerk, jedoch ohne erzählerische Zusammenhänge und Korrelationen und insofern wenig emotionalisierend.
Die Tiefenstruktur wird erreicht, indem man die emotionalen Bedürfnisse der Figuren herausarbeitet.


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