Wie du ein „Buch der Genialität“ schaffst

Mao Tsung-kangs Checkliste der 25 literarischen Techniken.

Im 17. Jahrhundert beschrieb der chinesische Kritiker Mao Tsung-kang fünfundzwanzig Merkmale der Genialität in dem Buch, das er für das beste literarische Werk aller Zeiten hielt – dem umfangreichen historischen Roman, der auf Deutsch unter dem Titel „Die Drei Reiche“ beim S. Fischer Verlag erhältlich ist. In China gilt dieses epische Werk noch immer als einer der vier großen Klassiker oder „Bücher der Genialität“.

Maos Essay lässt sich als eine Art „Anleitung“ zum literarischen Schaffen lesen. Er hebt Erzähltechniken hervor, die eine starke Wirkung auf die Leser:innen haben. Hier ist eine komprimierte und verallgemeinerte Version von Maos fünfundzwanzig „Wundern“, formuliert nicht, um den konkreten Roman zu beschreiben, sondern als Aspekte oder Fragen der literarischen Technik, die jede Autor:in auf ihre eigenen fiktionalen Werke anwenden könnte.  (mehr …)

Ursache und Wirkung – und wie alle Szenen miteinander verwoben sind

Ich habe es schon an anderer Stelle gesagt: Eine Geschichte ist nicht wie das Leben, denn eine Geschichte folgt klaren Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen, während das echte Leben oft chaotisch wirkt. Vereinfacht ausgedrückt: Zwischen den Szenen einer Erzählung lässt sich viel eher ein „deshalb“ einbauen als ein „und dann“. Jede Szene ist die Folge einer vorherigen und zieht selbst wieder neue Szenen nach sich. Eine Szene ist, wie Jorge Luis Borges es formulierte, die Vorahnung einer späteren Szene. Spätere Handlungsmomente werden durch frühere vorbereitet – sie werfen ihre Schatten voraus.

Am deutlichsten zeigt sich dieser „deshalb“-Effekt, wenn man eine Geschichte in groben Zügen skizziert: Ein Verbrechen geschieht, deshalb wird ein Kommissar gerufen, deshalb übernimmt er den Fall, deshalb sucht er nach Spuren, deshalb findet er einen ersten Hinweis, der ihn – in einer logischen Kette – zum nächsten führt, bis er schließlich den Täter entlarvt.

Auf der Ebene einzelner Szenen muss diese Abfolge nicht streng eine nach der anderen sein. Es ist nicht so, dass jede Szene zwangsläufig aus der unmittelbar vorhergehenden resultiert, sondern vielmehr, dass Szenen fast immer auf frühere Bezug nehmen. Das Publikum erinnert sich – bewusst oder unbewusst – an den Punkt, auf den verwiesen wird, erkennt den Zusammenhang zu einer bereits bekannten Information. Das löst dieses befriedigende „Aha!“-Erlebnis aus, dieses angenehme Gefühl, etwas verstanden zu haben, den roten Faden zu erkennen.

Genau diese „Aha!“-Momente zu meistern, davon bin ich überzeugt, ist das eigentliche Handwerk des Geschichtenerzählens.  (mehr …)

Plot Beats und Beat Sheets

Beat Sheet how to book

Es gibt zwei Definitionen von „Story Beats“. Beide beziehen sich auf eine Veränderung.

Die eine Verwendung des Begriffs Beat bezieht sich auf die subtile Veränderung der Dynamik einer Beziehung, die eine Dialogzeile in einer Szene bewirkt. In der Regel gibt es innerhalb einer Szene mehrere Beats, von denen jeder eine Wegmarke ist, um die Szene dramatisch voranzubringen.

Die andere Bedeutung des Wortes Beat im Geschichtenerzählen bezieht sich auf Veränderungen in der Handlung, die durch Szenen entstehen. Eine Handlung ist eine Abfolge von kausal miteinander verbundenen Ereignissen, eine narrative Kette von Ursache und Wirkung. Ein Ereignis bewirkt eine Veränderung und bestimmt, was in den nachfolgenden Szenen geschieht. Einige Autoren arrangieren diese Ereignisse während der Planungsphase auf einer Tafel oder einem „Beat Sheet“.  (mehr …)

Beziehungen zwischen den Figuren, Teil 2: Gegenspieler*innen

Drei Arten der Gegnerschaft und zwei Gemeinsamkeiten, die alle Gegenspieler haben.

Opponents come in all sorts of shapes and sizes

Erst wenn es in einer Geschichte Gegenspieler gibt, gibt es auch Konflikte. Das müssen nicht zwingend antagonistische Konflikte sein.

Jede Figur in einer Geschichte kann (einen) Gegner haben, nicht nur die Protagonist*in. Zwar steht der Kampf zwischen Protagonist und Antagonist/Antagonismus im Vordergrund der Geschichte, in Wirklichkeit aber gibt es ein ganzes System gegeneinander wirkender Kräfte.

Wie können wir Gegnerschaften differenzieren und typisieren?

  • Gegnerschaft kann aus dem Streben nach dem selben oder nach einem entgegengesetzten Ziel entstehen.
  • Gegnerschaft kann antagonistisch oder unbeabsichtigt sein.
  • Es gibt Gegner von außerhalb und Gegner aus dem inneren Bereich.

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Story-Struktur und Plot-Beats

Was meinen wir, wenn wir über die Struktur einer Geschichte sprechen?

Eine Geschichte ist eine komplexe Einheit, die viele miteinander verknüpfte Teile umfasst. Die Autor*in legt dem Material ein Organisationsprinzip auf. Das Ergebnis dieser Formung oder Formgebung des Materials ist die Story-Struktur, und diese verwandelt die Geschichte in eine Erzählung.

Bestimmte strukturelle Marker sind so explizit, dass das Publikum sie wahrnimmt, wie z.B. Kapitel in Romanen. Elisabethanische Stücke wie die von Shakespeare wurden typischerweise in fünf Akte unterteilt. Das Drehbuch eines Films wird in Akte, Sequenzen und Szenen unterteilt.

Beats

Es gibt allerdings Strukturen, die normalerweise nicht offensichtlich oder explizit gekennzeichnet werden. So kann beispielsweise eine Szene in Beats zerlegt werden – erkennbar nur durch die Momente, in denen sich die Stimmung oder Beziehung zwischen den Figuren ändert. Zwei Figuren führen ein Gespräch, Figur A sagt etwas, das Figur B anders reagieren lässt als wie A es erwartet hat – das ist ein Beat.  (mehr …)

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