Internes Problem

Während das externe Problem den Zuschauern zeigt, was eine Figur zum Handeln motiviert (er oder sie will das Problem lösen), ist es das interne Problem, welches den Charakter interessant macht.

Das interne Problem bezeichnet eine psychische oder emotionale Schwäche oder Unzulänglichkeit der Figur, einen Fehler oder negativen Charakterzug.
Interne Probleme können dem Charakter schaden und sich nachteilig auf die Lösung des äußeren Problems auswirken. Schlimmer noch, interne Probleme können Charaktereigenschaften verursachen, die andere verletzen und ihnen Leid zufügen. Sie können zu asozialem Verhalten führen.
Klassisch ist dies der Überhang einer bestimmten Eigenschaft wie übermäßiger Stolz oder Neid. Fast immer liegt das interne Problem in Egoismus begründet. Wenn das interne Problem überwunden wird, wächst der Charakter daran und entwickelt sich in eine positive Richtung. In diesem Sinne muss die Figur kooperatives Verhalten lernen, um zu „reifen“, sich als sozial funktionierende Person zu entwickeln.

Womöglich ist sich eine Figur des internen Problems zunächst gar nicht bewusst, denn ein solches Defizit ist ja schon lange in dem Charakter angelegt – in einer Geschichte schon vor ihrem Beginn.

Im wirklichen Leben ist der Ursprung von Verhaltensmustern selten so einzigartig und spezifisch, aber für Autoren von Geschichten hilft es, eine bestimmte Situation im Sinn zu haben, die die Grundursache für den Charakterfehler darstellt. Tatsächlich könnten die Autoren sich eine weitere „Confirmation Bias“-Szene ausdenken, die dazu führt, dass der fehlgeleitete Glaube oder die falsche Weltanschauung der Figur verstärkt wird. Noch ein weiterer Vorfall könnte den Nerv der fehlerhaften Figur so treffen, dass sie sich und ihren Fehler vehement verteidigt und dem Publikum das Ausmaß ihres internen Problems somit offenbart.

All dies lädt geradezu ein, eine Backstory zu bemühen, um den Ursprung des internen Problems zu erläutern. (Aber Vorsicht, das ist eine heikle Schriftstellerfalle. Mehr dazu unten.)


Das innere Problem einer Figur wird dem Publikum in Szenen offenbart, die die Auswirkungen dieser Schwäche auf die Figur und ihre Umgebung zeigen. Es führt zu internen Hindernissen, zu spezifischen Fehlentscheidungen der Figur, die sie daran hindern, direkt auf ihr Ziel hinzuarbeiten. Darüber hinaus kann der Antagonismus in der Geschichte eine Art symbolische Manifestation des inneren Problems des Protagonisten sein.


Entwicklungsgeschichte

Das externe Problem bedingt die Motivation einer Figur, ruft also ihren Wunsch hervor. Aus dem internen Problem ergibt sich eine innere Notwendigkeit.
Das interne Problem kann also zur Selbsterkenntnis führen. Wenn die Figur dies wahrnimmt und versteht, dass das interne Problem für sie selbst und auch für andere schädlich ist, wird sie danach streben, es zu lösen.

Der Wunsch der Figur entspricht einem positiven Zustand – wie Reichtum, Macht, Glück, Liebe, Besitz. Die Figur glaubt womöglich, dass diese Situation durch das Erreichen eines bestimmten Ziels hergestellt wird, also durch die offensichtliche Lösung für das äußere Problem. Sobald jedoch die Figur dieses Ziel erreicht hat, kann es sich herausstellen, dass dies nicht zur Befriedigung des Wunsches führt. Die eigentliche Notwendigkeit, die der Figur bis dahin vielleicht verborgen war, ist eine Veränderung im Charakter, d. h. eine Veränderung des negativen Charakterzuges in einen positiven.

Es geht also um Entwicklung: Das interne Problem ist eine emotionale Unfertigkeit im Charakter. Die Figur wird an der Lösung ihres inneren Problems wachsen. Die innere Notwendigkeit besteht in emotionaler Reife. Sofern sich diese vollzieht, wird sich die Figur positiv verändern, sodass ihre Handlungen sich nicht mehr negativ auf sie selbst und auf andere auswirken, d. h. die Figur wird sich sozial und verantwortungsbewusst verhalten.

Die Moralfalle(n)

Das hört sich alles sehr moralistisch an – und das ist genau die Falle, in die man tappen kann.
Ja, der Leser/Zuschauer sollte des internen Problems einer Figur gewahr werden. Doch dabei sollte man tunlichst vermeiden, mit erhobenem Zeigefinger zu agieren.

Wir alle kennen Geschichten, in denen Figuren etwas lernen und zu besseren Individuen werden, indem sie negative Charaktereigenschaften überwinden. Die Idee von einer Hauptperson, die etwas zu lernen hat, ist so fundamental, dass sie in fast allen Geschichten zum Tragen kommt – auch außerhalb Hollywoods.

Wie man die Moralfalle umgeht: Das interne Problem sollte nicht als etwas unverzeihlich Verwerfliches dargestellt werden, sondern als eine Eigenschaft, die der Leser/Rezipient in sich ebenfalls wiedererkennt – zumindest im Ansatz. Wenn die asozialen Auswirkungen des internen Problems allzu offensichtlich werden, wird die Geschichte unvermeidbar zu einem Moral-Stück.
Es ist also Aufgabe des Autors, die Balance zu halten und dieses Verhältnis an die Leserschaft bzw. das Publikum anzupassen. Der Rezipient wird eher eine emotionale Reaktion auf die Geschichte an den Tag legen, wenn die Geschichte nicht allzu deutlich eine moralische oder anderweitig vom Autor beabsichtigte Bedeutung transportiert. Der Leser/Zuschauer ist immer glücklicher, wenn er es selbst fühlen kann, statt es vorgekaut zu bekommen.

Traumata, Stigmata und andere Hindernisse

Variante 2 der Backstory-Falle geht in eine andere Richtung und erhebt das interne Problem zum Stigma:
Heutzutage haben wir die Tendenz, nach dem Ursprung von negativen Charakterzügen in unserer eigenen Vergangenheit zu suchen – also nach mehr oder weniger starken Traumata, die wir in unserer Kindheit erlitten haben. Sigmund Freud hat hier das Geschichtenerzählen grundlegend beeinflusst.
Viele moderne Geschichten erklären das innere Problem einer Figur, indem sie ein traumatisches Ereignis präsentieren, das in deren Vergangenheit aufgetreten ist. Manche dieser Herangehensweisen greifen Themen auf, die leider schon zum Klischee geworden sind, wie z. B. Missbrauch als Begründung für Gewalttätigkeit oder Bindungsangst: Der Protagonist/Die Protagonistin wurde belästigt oder missbraucht, dies erklärt sein/ihr asoziales Verhalten. Die Konfrontation mit dem Trauma führt bestenfalls zur Heilung – wenn nicht zur Verdammnis.

Es ist durchaus möglich, ein bestimmtes Ereignis in der Vergangenheit eines Charakters als die Ursache des internen Problems zu benennen, ohne klischeehaft zu werden. Ältere Geschichten bemühen nicht psychologische Erklärungen: Oft geht es darin weniger um Traumata denn um Fehler – Fehler in der Beurteilung.

Fehler sind menschlich

Jeder macht Fehler. Jeder trifft auch mal die falsche Wahl. Eine schlechte Entscheidung bedeutet nicht, dass es grundsätzlich ein Trauma geben muss. Meist ist sie einfach das Ergebnis emotionaler Unreife.
Das Ereignis, welches das interne Problem ausgelöst hat, muss also nicht den Freudschen Stempel tragen. Es kann eine Fehlentscheidung sein, die einen später wieder einholt. Ein klassisches Bsp. dafür ist tatsächlich Sophokles’ Oedipus Rex.

Das interne Problem kann also auch die Ursache des externen Problems sein. Selbst Geschichten, die es nicht schaffen, dieses hohe Maß an Kunstfertigkeit in der Verknüpfung zu erreichen, werden versuchen, eine Verbindung zwischen externen und den inneren Problemen herzustellen. Solche Geschichten, in denen der Protagonist sein eigener schlimmster Feind ist – wie in Leaving Las Vegas – wird das interne Problem zur antagonistischen Kraft und es entsteht ein unversöhnliches Szenario.

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Heute schon eine Geschichte entworfen? Falls nicht …

 

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