Zentraler Charakterzug und Kernemotion

In Geschichten sind die Emotionen der Figuren letztlich die Quellen ihres Handelns, denn die Motivationen basieren schlussendlich auf Emotion.

Die Bestimmung des emotionalen Kerns eines Charakters in einer Geschichte kann zu einem klareren Verständnis des Verhaltens dieses Charakters, d.h. seiner Handlungen, führen.

Was wir hier ansprechen, ist im Wesentlichen eine Prämisse für die Konzeption einer Geschichte. Wir haben an anderer Stelle angemerkt, dass, wenn man eine Gruppe von gegensätzlichen Charakteren in einem Raum – bzw. einer Story-Welt – platziert, eine Handlung aus den entstehenden Interessenkonflikten entstehen kann. Beim Entwerfen von Geschichten besteht ein Ansatz darin, die Kontraste zwischen den Figuren (ihre wesentlichen Charakterunterschiede) zu erzeugen, indem jedem Charakter ein wesentliches emotionales Element oder eine bestimmende Charaktereigenschaft gegeben wird. Eine Figur kann leichtfertig sein, eine andere ein Pfennigfuchser. Die eine mag ängstlich sein, die andere frech.

Nun könnte man einwenden: Ist das nicht etwas eindimensional? Sind Charaktere mit nur einer Kerneigenschaft nicht flach?

Nicht unbedingt. Sich auf ein zentrales, meist emotionales Thema pro Figur zu konzentrieren, ist kein billiger Trick. Es ist so alt wie das Geschichtenerzählen.

Klassische Beispiele

Alte Geschichten konzentrieren sich auf Figuren mit bestimmten Emotionen oder Eigenschaften. Es sind diese Gemüter, die sie unterscheidbar machen, die ihnen ihren Charakter verleihen.

Gilgamesch ist zunächst stolz und arrogant – er muss Demut erweisen. Später wird er von Trauer getroffen und muss lernen, mit dieser Emotion umzugehen. Enkidu ist wild. Er muss gezähmt werden.

Achilles‘ Zorn ist berühmt, seine zentrale Emotion ist Wut. Agamemnon ist zwar königlich, aber auch hochmütig. Aeneas ist fromm und gerecht.

Beowulf ist stark, aber in Gefahr, stolz zu sein.

In der Göttlichen Komödie ist die Figur Dante spirituell verloren und wird von dem vernünftigen und weisen Virgil geleitet.

Shakespeare baute einige Charaktere um eine primäre Emotion herum: Othello ist eifersüchtig.

Man könnte sagen, dass diese Art von Charakter altmodisch ist. Heutzutage bevorzugen Publikum und Leser mehr Realismus und psychologische Komplexität. Aber stimmt das wirklich?

Moderne Figuren

Flaubert wird oft zugeschrieben, dass er einen Wendepunkt im Geschichtenerzählen geschaffen hat. Es wird behauptet, dass seine Figuren psychologisch komplex seien und daher für moderne Empfindungen „realistischer“ erscheinen mögen. Dennoch ist Emma Bovarys zentraler Charakterzug, dass sie romantisch und naiv ist.

Im zwanzigsten Jahrhundert, vielleicht wegen Freuds Einfluss, wurde die Idee verbreitet, dass Charaktere, um lebensechter zu sein, psychologisch „abgerundet“ sein müssten. Im wirklichen Leben haben Menschen alle möglichen Emotionen – man könne als Autor nicht nur einen übergeordneten emotionalen Zustand oder eine primäre Eigenschaft an eine Figur knüpfen. Das sei nicht lebensnah.

Geschichten sind allerdings Scheibchen des Lebens, und nicht das Leben selbst. Einer der Hauptgründe, warum es Geschichten gibt, ist, uns die möglichen Auswirkungen bestimmter Emotionen oder Eigenschaften zu zeigen – vor allem, wenn sie zu stark ausgeprägt sind. Moralische Gleichnisse und Fabeln veranschaulichen dieses Prinzip am deutlichsten: Dem prahlerischen Hasen wird von der Schildkröte eine Lektion über sein übersteigertes Selbstvertrauen erteilt.

Man könnte entgegnen, dass die meisten Geschichten nicht so schlicht sind wie Fabeln. Aber, nur als Beispiel, man sieht die gleiche Schildkröten- und Hasenszene in dem Film Cars.

Man könnte sagen, dass Geschichten für Erwachsene keine so klare „Moral“ oder gar eine „Autorenbotschaft“ aufweisen – oder zumindest, dass sie es nicht sollten. Stimmt. Das bedeutet aber nicht, dass Geschichten nicht mehr um primäre Charakterzüge herum komponiert werden. Bridget Jones funktioniert genauso wie das Vorbild, indem das Werk sich auf zwei Figuren konzentriert, die starke primäre Charakterzüge aufweisen, die auf Emotionen basieren: Stolz und Vorurteil.

Ganz praktisch …

Wie also kann ein Autor einen Charakter mit einer Kernemotion „abgerundet“ gestalten? Wie muss der Charakter sein, um nicht flach zu erscheinen?

Ein Charakter wird interessant, wenn er einen Kontrast in sich hat. Ein Charakter, der durchweg ängstlich, frivol, knauserig oder frech ist, bietet wenig Überraschungen für das Publikum oder den Leser und läuft daher Gefahr, langweilig zu werden. Dies ist vermeidbar, indem Emotionen als Achsen gesehen werden, entlang derer bestimmte Aktionen stattfinden. Die Achsen der Emotionen schaffen Dimensionen des Charakters. Wir werden später diese Achsen ansprechen.

Schauen Sie sich eine Geschichte an, eine beliebige Geschichte, und überlegen Sie, ob Sie nicht eine Entwicklung, meist eine Lernkurve, im Protagonisten erkennen können. Diese Veränderung wird manchmal auch als Spannungsbogen bezeichnet. Ist die Hauptfigur – und wahrscheinlich auch einige andere Charaktere – am Ende der Geschichte nicht klüger als am Anfang? Gab es dabei nicht ein internes Problem, das die Figur vor dem Ende der Geschichte lösen musste? Wenn ja, war dieses interne Problem wahrscheinlich auf einem klaren Charakterzug basiert. Einem einzigen. Und Charakterzüge neigen dazu, aus einer emotionalen Haltung zu kommen. Von dieser emotionalen Haltung ist es nur ein kurzer Schritt zu einer bestimmten primären Emotion im Kern dieses Charakters.

 

FOLGE UNS!

Abonniere unseren Blog